STEYR. Ausgrenzung, Ablehnung und zahlreiche Vorurteile – neben den körperlichen Beschwerden und dem erhöhten Risiko für Folgeerkrankungen sind es vor allem die vielfältigen Formen der Diskriminierung, die stark übergewichtige Personen in ihrem Alltag begleiten und belasten.

 

Was viele betroffene Menschen täglich erfahren, beweist nun auch eine aktuelle Studie aus Deutschland: je größer das Übergewicht, desto stärker die Diskriminierung im Alltag. Ein Teufelskreis – ist Adipositas (Fettsucht) doch viel weniger ein Mangel an Selbstdisziplin als eine komplexe, ernstzunehmende Erkrankung, die einem ganzheitlichen Behandlungskonzept bedarf.

Prim. Dr. Wolfgang Brandmayr, Leiter der Tagesklinik für Psychische Gesundheit im LKH Steyr, erläutert die Hintergründe. An Adipositas leiden Personen, die einen Body-Mass-Index von mehr als 30 aufweisen. Menschen mit einem derartig hohen Übergewicht sind in ihrem Alltag stark eingeschränkt, leiden häufig an Atemnot und Schlafproblemen und tragen ein erheblich höheres Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes oder Bluthochdruck. Durch die starke Belastung werden auch Wirbelsäule und Gelenke stärker und viel früher abgenutzt, als dies bei normalgewichtigen Personen der Fall ist. „In vielen Fällen kann das hohe Übergewicht jedoch nicht ausschließlich auf falsche Ernährungsgewohnheiten zurückgeführt werden“, betont der Experte, „einem Menschen mit Adipositas einfach nur zu sagen, er solle weniger essen und Sport betreiben, ist bei diesem komplexen Krankheitsbild nicht nur zu wenig, sondern auch nicht hilfreich.“

Meist begleiten beispielsweise Sucht, Depression, Erschöpfung oder Leere die multiplen körperlichen und ernährungsspezifischen Symptome, die zu dieser Erkrankung führen. Fettsucht ist eine Krankheit und braucht eine ganzheitliche Therapie. Adipositas ist also als eine chronische Ernährungs- und Stoffwechselerkrankung zu verstehen, die unterschiedlichste Ursachen haben kann und zahlreiche Beschwerden mit sich bringt. Vor zwei Jahren wurde daher in der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin des LKH Steyr eine Psychosomatische Tagesklinik eröffnet. Neben der medizinischen körperlichen Therapie dieses Krankheitsbildes finden Betroffene dort zudem ein Betreuungskonzept, das bei der Behandlung auch und vor allem seelische und psychosoziale Faktoren integriert.

„In einem sechswöchigen teilstationären Aufenthalt entwickeln die Patient/-innen ein tieferes Verständnis für die Entstehung ihrer Krankheit. Sie erarbeiten gemeinsam mit den Expert/- innen individuelle Lösungskonzepte, die auch die Beschwerden der seelischen Belastungen berücksichtigen, die durch ein vermindertes Selbstbewusstsein, Stress und Einsamkeit oder die verletzenden Vorurteile durch das Umfeld entstanden sind“, sagt Prim. Brandmayr. Wie wichtig dieser Ansatz ist, zeigen auch die Ergebnisse der Studien des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums für Adipositas-Erkrankungen der Universität Leipzig.

Von den 3.000 Befragten Personen waren es bei den leicht bis mittelschwer an Adipositas erkrankten Menschen etwa zehn bis 18 Prozent, die sich regelmäßig Diskriminierungen ausgesetzt fühlen. Bei den schwer adipösen Menschen stieg dieser Wert schon auf 40 Prozent. „Frauen leiden häufig stärker an gewichtsbedingter Diskriminierung von außen“, weiß der Experte, das beweisen auch die kürzlich veröffentlichten Zahlen der Studie, „während 7,6 Prozent der Männer über gesellschaftliche Diskriminierung berichten, ist dieser Wert bei den Frauen mit 20,6 Prozent ungleich höher.“

 

Primarius Wolfgang Brandmayr: