STEYR. Nach einer wahren Begebenheit. Meine „Laufkarriere“ begann im Frühsommer. Erstmals seit vielen Jahren, und es sind viele Jahre darüber vergangen, schaffte ich es tatsächlich regelmäßig ein Lauftraining zu absolvieren. Jetzt bin ich Ü50 und der Höhepunkt der Laufsaison sollte der Steyrer Christkindllauf werden ...

Profimäßig fand ich mich beim Startplatz vor dem Alten Theater ein, profimäßig absolvierte ich ein paar kurze Laufmeter zum Aufwärmen, profimäßig reihte ich mich in die bereits zum Starten bereitstehende Masse der etwa 500 Läufer ein. Profimäßig dort, wo ich leistungsmäßig hingehöre - ganz hinten.

Auch auf die letzte Reihe, die ich - mit zugegebenermaßen nur einigen wenigen aber dafür genauso ambitionierten Läufern wie ich es war - teilte, übertrug sich zunehmend die Anspannung und die Erregung des endlich Loslaufens. Dann war es so weit - der Startschuss fiel. Mein aufgewärmter Körper wurde von der Masse der Mitläufer zuerst noch mitgerissen, doch die Reihen vor mir lichteten sich zusehends und immer schneller, bis ich mich letztendlich auf Höhe der Promenadenhauptschule mit einer Handvoll im gleichen Rhythmus Laufender wiederfand.

Ganz froh darüber, dass ich nun wieder mein gewohntes und antrainiertes Tempo laufen durfte und zuversichtlich, die beiden vorgegebenen Laufrunden auch tatsächlich hinter mich zu bringen, vernahm ich plötzlich ein dünnes und noch sehr jugendliches Stimmchen neben mir. „Entschuldigen Sie, darf ich mich bei Ihnen anhängen? " fragte es, das Stimmchen. Ich drehte meinen Kopf zur Seite wo ich das Stimmchen vermutete. Neben mir lief ein junger Bursche, ich schätzte ihn auf 15 Jahre.

„Natürlich - kein Problem“ hörte ich mich sagen. WER hätte das nicht gesagt?

„ Wie heißt Du?“ fragte ich ihn.

„Marek“ ... „Hallo Marek!“ ... „Und Sie? ... „Edith“ ... "Hallo Edith!" ...

"Sportler dutzen sich" merkte ich an. Wir erreichen den Brucknerplatz und laufen in die Berggasse ein. Unser Rhythmus passt, wir laufen im Gleichschritt. „Eigentlich wollte ich mit meinem Freund laufen, aber er ist schneller als ich und ist mir davongelaufen“ begründet Marek sein Anliegen.

„Mein Freund ist mir auch davongelaufen" will ich antworten, doch Marek ist noch zu jung um zu verstehen, was ich damit meine, darum sage ich stattdessen nur, dass er ja jetzt mit mir laufen kann. Wir durchlaufen die Berggasse. „Meine Oma ist vor kurzem gestorben" ...

höre ich Marek's Stimme neben mir. „Dann läufst Du heute für Deine Oma, ist doch ein schöner Gedanke“ muntere ich ihn auf. „Ich konnte deswegen nicht so viel trainieren“ sagt Marek. „Wir schaffen das schon“sage ich. Habe ich wirklich „wir" gesagt? Wir laufen in den Hof des Schlosses Lamberg ein, bei der kleinen Steigung in Richtung Schranken kommt Marek etwas außer Atem, ich merke er wird langsamer ...

„Kleine Schritte, Marek, und auuuuusatmen, sage ich. Marek atmet aus, zumindest deute ich die gurgelnden Geräusche als „lufthinausblasen". Wir kommen ans Ende des Schlossgrabens. Dort steht Mareks Fangemeinde: „Marek! Marek! Marek“ feuern sie ihn an. Marek reagiert sofort, ich spüre er wird schneller, nicht lange, aber der Schub reicht bis ins erste Drittel der Blumauergasse, dort wird es leicht abfallend. „ Passt das Tempo?“frage ich Marek, in der Hoffnung das Tempo etwas steigern zu können. Vor uns läuft ein Pärchen im Hasenkostüm, ich spüre wie meine Beine vorwärts wollen um sie zu überholen. Aber schon steigt die Straße wieder leicht an und wir kommen zur Einmündung in den Schloßpark. Das Hasenpärchen schlägt einen Haken und läuft in den unbeleuchteten Schloßpark ein - wir nicht. Marek ringt um Luft, er braucht wieder ein langsameres Tempo.

„Können wir etwas langsamer laufen?“kommt auch schon seine Frage. „Klar“. sage ich und leuchte ihm mit meiner Stirnlampe den Weg. Wir traben in Richtung Orangerie, Mareks Fangemeinde steht jetzt auf dieser Seite zum Anfeuern bereit. „Marek! Marek! Marek!“rufen sie auch schon. Die Anfeuerungsrufe für Marek haben den gewünschten Erfolg - ich werde schneller, Marek auch - ganz kurz. „Wir kommen in Zielnähe, dann ist die erste Runde geschafft! " versuche ich Marek zu motivieren ... Marek versucht zu antworten, was ich gleich unterbinde „Überlass des Reden lieber mir, Reden kostest zu viel Kraft“ sage ich deshalb schnell. Wir laufen ins Ziel ein. Die ersten Jubelrufe ertönen. Sie gelten nicht uns. Die ersten Läufer haben die zwei Runden bereits geschafft. Marek und ich sind erst am Beginn der zweiten Runde. Ich versuche die Rufe zu ignorieren und versuche Marek aufzumuntern. „Schau wir sind schon in der zweiten Runde, wir schaffen das auch, wir sind nicht die Letzten! " Ich spüre, nein ich weiß, irgendwo hinter uns sind noch ein paar Läufer. Oder? Die zweite Runde verläuft erwartungsgemäß wie die erste ...

Nur einmal bricht Marek aus dem Gleichschritt aus. Die Steigung im Schloßhof bis zum Schranken kostet Marek Kraft, erst kurz vor dem Schranken startet Marek wieder richtig durch und läuft los. Leider in die falsche Richtung. Geradeaus. Wir müssen nach links durch den Schranken über den Schlossgraben hinaus. Sofort dränge ich ihn sanft mit etwas Körpereinsatz nach links ab. Wir sind wieder am richtigen Weg. Ich hoffe noch einmal auf Mareks Fangemeinde. Sie schreien mit ihrer ganzen Kraft „Marek! Marek! Marek ..."

Aber Marek scheint sie nicht zu hören sondern fragt stattdessen, ob wir wieder etwas langsamer laufen können. „Marek komm, dort vorne ist schon unser Ziel“ dränge ich. Mit „dort vorne" sind noch geschätzte 500 Meter gemeint. Endlich nähern wir uns dem Zieleinlauf. Ich zähle die letzten Meter herunter: „10, 9, 8, 7 bei NULL sprinten wir los!" sage ich zu Marek. „Null und SPRINT!“ rufe ich kurz darauf ...

Und Marek sprintet. Er läuft jetzt das Tempo der Spitzenläufer. Habe ich ihn etwa zu sehr geschont? Mein Zieleinlauf ist dann nicht so rasant. Mit Mareks jugendlichen Beinen und dem Ehrgeiz doch noch vor mir das Ziel zu erreichen kann ich nicht mithalten. „Bravo Marek - gut gelaufen“ gratuliere ich ihm deshalb. Marek lehnt an der Bande und schaut mich glücklich an, reden kann er nach diesem Sprint nicht mehr. Marek wird nun von seiner Fangemeinde umringt. Er ist jetzt gut aufgehoben.

Plötzlich wieder alleine, wende ich mich ab und mir wird die kuriose Situation bewusst. Was mein erster Christkindllauf in sportlicher Hinsicht hätte werden sollen, wurde zum Christkindllauf für einen Jugendlichen. An der Zeittafel bin ich gezielt vorbeigelaufen. Was bedeutet schon Zeit, wenn man einem jungen Menschen hilft sein Ziel zu erreichen! Ich trabe heimwärts. Um mich herum fühle ich einen hellen Schein – natürlich sind es nur die Lichter des Christkindlmarktes, oder?

Nächstes Jahr laufe ich wieder. Marek wartet sicher schon auf mich!


von
marion.mondsee